Deshalb unterstütze ich keine großen Buchhandlungen mehr

Meinung zu Thalia und Hugendubel

2020 war das Jahr, in dem bei mir ein klares Umdenken stattfand. Ich begann, meine Bücher immer weniger online zu bestellen und kaufte sie immer öfter nur noch über Buchhandlungen – vor Ort oder über deren Onlineshop. Anfangs bestellte ich überwiegend noch über Thalia oder Hugendubel, denn ich wollte andere Unternehmen unterstützen als Amazon. Dann kam es aber 2020 und nun auch Anfang 2021 zu mehreren Vorfällen, die mich dazu bewegten, von nun an nur noch kleine und private Buchhandlungen aus meiner Nachbarschaft zu unterstützen.

Homophobe Literatur und fragwürdige Corona-Statements

Ich persönlich achtete nach einem sehr fragwürdigen Post von Hugendubel im Sommer 2020 (mehr dazu folgt gleich noch) immer mehr auf die Statements und Aussagen der beiden großen Buchhandlungen und stellte auf lange Sicht fest: Diese Ketten möchte ich nicht mehr unterstützen. Natürlich gilt grundsätzlich: Ich verurteile niemanden, der seine Bücher noch über Hugendubel, Thalia oder Amazon bezieht. Mir ist es aber wichtig zu erklären, warum das für mich persönlich nicht mehr in Frage kommt. Denn es kam zu einigen Vorfällen, die so nicht hätten passieren sollen. Und vielleicht versteht der ein oder andere ja auch meine Beweggründe und zieht ähnliche Schlüsse wie ich.

Mafia-Methoden, Drohungen und bald auch schlechtere Arbeitsbedingungen?

Thalia war tatsächlich schon etwas länger unser meiner strengen Beobachtung. Als sie nämlich die Buchhandlung meiner Kindheit (Decius) aufkauften, war ich davon wenig begeistert. Warum genau, habe ich euch schonmal in meinem Blogpost Thalia in Hannover – Decius muss der Kette weichen genauer erklärt. Darin gehe ich auch darauf ein, welche Mafia-Methoden das Unternehmen anwendet, um kleine Buchhandlungen und Verleger unter Druck zu setzen.

Das an sich ist ja schon ein guter Grund, um Thalia nicht mehr zu unterstützen. Im zweiten Lockdown während der Corona-Pandemie schaffte es jedoch Thalia-Chef Michael Busch, sich noch einen ordentlichen Minuspunkt bei mir einzuhandeln. Auf Twitter kritisierte er die aktuelle Corona-Politik. An sich ja legitim, aber der weitere Inhalt seiner Aussage schockierte mich dann extrem. Ein Videoausschnitt aus der Versammlung, der von der ZDF-Sendung Frontal 21 veröffentlicht wurde, zeigt: Der Thalia-Chef droht damit, Einfluss auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu nehmen, wenn die Buchhandlungen nicht wieder geöffnet werden. Und er macht auch ganz deutlich klar, dass diese Aussage auch als Drohung zu verstehen ist.

Doch das ist noch immer nicht alles. Im Januar 2021 verkündete Thalia, dass sie aus der Tarifbindung aussteigen und eine Mitgliedschaft im Handelsverband ohne eine Tarifbindung eingehe. Dafür gab es harsche Kritik von ver.di. Die Höhe der Gehaltssteigerungen der Mitarbeiter*innen ist ab jetzt nicht mehr von einem Tarif abhängig, sondern vom Erfolg des Unternehmens. Ein Schachzug, der unter dem Argument der Corona-Pandemie geschieht und so eine dauerhafte Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für die Angestellten bedeutet könnte. Noch im November bat Thalia seine Mitarbeiter*innen um unbezahlte Überstunden.

Links zum Thema:

Annika Mayer, Stuttgarter Zeitung: Twitter-User empören sich über Michael Busch

Handelsblatt: Buchhändler Thalia steigt aus Tarifbindung aus

Buchreport: Thalias Bitte um unbezahlte Mehrarbeit

Verkauf von Büchern über Konversionsbehandlungen

Auch mit Hugendubel setzte ich mich im Sommer 2020 kritisch auseinander. Damals beschloss der Bundestag das Verbot von Konversionsbehandlungen. Methoden zur Unterdrückung der sexuellen Orientierung sind damit bei Jugendlichen im Alter bis 18 Jahren verboten. Bücher über solche Konversionsbehandlungen waren aber weiterhin bei Hugendubel und Thalia käuflich zu erwerben, wie z.B. das Buch «Healing Homosexuality» von Joseph Nicolosi. Das „Mannschaft Magazin“ fragte nach, warum das noch so sei. Die Antwort von Hugendubel in einer Stellungnahme an das Magazin lautete: «Wir sehen uns als neutrale Buchhändler. Entsprechend möchten wir Titel, die nicht auf dem Index stehen, im Sinne der Meinungsfreiheit anbieten.» (Quelle: Mannschaft Magazin) Homophobie als Meinungsfreiheit deklarieren? Nicht cool! Das sah auch die Bookstagram-Community so und der Aufschrei war groß, die Kritik wurde immer mehr. Thalia reagierte erst dann als erstes und nahm das Buch nach drei Tagen aus dem Sortiment. Hugendubel sträubte sich weiterhin, erst als der Shitstorm immer größer wurde, entschloss man sich dazu «aufgrund der aktuellen Diskussion» sämtliche Titel von Nicolosi aus dem Sortiment zu streichen. Eine Reaktion, die für mich enttäuschender nicht sein konnte. Denn das Statement zeigte mir: Der Titel wurde nur gestrichen, damit die Image-Folgen nicht noch größer werden. Einsicht war hier keine zu spüren.

Links zum Thema:

Silvan Hess, Mannschaft Magazin: Thalia und Hugendubel: Kompliz*innen der «Homoheiler»

Silvan Hess, Mannschaft Magazin: Jetzt doch: Thalia und Hugendubel verbannen den «Homoheiler»

Paul Dorsch, der Freitag: Ein Buch, das Schwule heilen will?

Fragwürdiger Humor

Relativ regelmäßig sorgt außerdem das Social Media Team von Hugendubel für Aufsehen in der Community. Ihre Text-Posts die oft sehr humorvoll und wirklich witzig sind, gehen manchmal in durchaus fragwürdige Richtungen. Hier stellte sich mir schon oft die Frage: Werden diese Mini-Shitstorms bewusst provuziert, um Reichweite zu schaffen? Oder hat Hugendubel einfach noch nicht das nötige Feingefühlt, um problematische Aussagen zu erkennen? So oder so: Nachdem sich die Beiträge dieser Art häuften, entfolgte ich Hugendubel auf Facebook & Instagram endgültig und zog für mich den Schluss: Dieses Unternehmen kann ich nicht mehr unterstützen.

Der erste Post, beim dem mir der fragwürdige Humor auffiel, war dieser hier. „5 Gründe, ins Fitnessstudio zu gehen“. Der erste genannte Punkt („Vor der Polizei weglaufen können“) kam zu einer Zeit, in der gerade das Thema Polizeigewalt sehr aktuell war. (George Floyd starb Ende Mai, Hugendubel setzt diesen Post im Juli 2020 ab). Einige User*innen machten unter dem Post sehr deutlich, was auch mich daran stört: Im damaligen Kontext wirkt das ganze so, also würde man sich über rassistisch motivierte Polizeigewalt lustig machen und sie nicht ernst nehmen. Bei diesem und einigen anderen Posts habe ich mich gefragt: Schaut hier niemand noch einmal drüber, bevor etwas online geht? Solche groben Fehler sollten einem Social Media Team doch auffallen, oder? Gerade, wenn das Thema Polizeigewalt aktuell viel diskutiert wird.

Ein aktuellerer Post von Hugendubel ist auf den ersten Blick zwar wirklich lustig, ist aber genauso problematisch, wenn man mal ganz genau drüber nachdenkt. Denn er verharmlost Drogen, was gerade bei dem Teil der Buchcommunity problematisch ist, die noch sehr jung sind. Drogen als cool darstellen, ja sogar als Zeitvertreib zu betiteln, OHNE auf die Gefahren zu verweisen? Again: Nicht cool!

Problematische Social Media Posts alleine sind für viele natürlich kein Grund, ein Unternehmen gleich zu boykottieren. Und für einige Menschen scheint diese Kritik auch kleinlich zu wirken. Für mich war das aber irgendwie die Krone auf dem Sahnehäubchen und deshalb entschloss ich mich auch gegen Hugendubel.

Was bleibt noch übrig?

Aktuell beziehe ich meine Bücher allein online oder per Click&Collect über meine Buchhandlung aus der Nachbarschaft „Leuenhagen&Paris“ in Hannover. Der Service hier ist top, die Beratung war vor Corona-Zeiten immer super und auch die Lesungen hier gefielen mir immer sehr gut. Ja, Versand und Abholung klappt nicht immer von heute auf morgen, aber es ist jetzt auch kein Hals- und Beinbruch, wenn ein Buch mal drei Tage braucht, bis es bei mir ist. Die Auswahl im Laden ist auch sehr groß, sodass ich hier nach einem Anruf das Meiste oft sofort abholen kann oder es spätestens am nächsten Tag zur Abholung bereit liegt. Außerdem finde ich den Social Media Auftritt der Buchhandlung um ein vielfaches sympathischer als den von Hugendubel und Thalia. ♥️

Habt ihr schonmal darüber nachgedacht, die großen Buchhandlungen weniger zu unterstützen? Wenn ja, warum genau und konnte ich euch vielleicht mit meinem Post sogar zum Nachdenken anregen?

3 Kommentare zu „Deshalb unterstütze ich keine großen Buchhandlungen mehr

  1. Deswegen untertstütze ich auch kleine Buchhandlungen. Ich würde niemals bei Thalia arbeiten oder soga rne Ausbildung machen. Alles mir für mich nicht „in Ordnung“

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