Toxische Beziehungen in Büchern

New Adult, Young Adult oder (ganz einfach gesagt) Liebesromane sind wieder im Trend. Über die Jahre hinweg gab es immer mal wieder Romane oder ganze Reihen, deren Beziehungen ihre Leser*innen in ihren Bann zogen. Wer saß nicht schon einmal seufzend vor einem kitschigen Roman und hat angefangen, sich hineinzuträumen? Bei mir begann das ganze mit Twilight: Auch wenn Edward nicht so ganz mein Typ war, fand ich die Beziehung zu Bella mit 13/14 Jahren super romantisch. Rückblickend frage ich mich heute, was damals nicht mit mir gestimmt hat – denn jetzt erkenne ich, warum die Beziehung der beiden mehr als nur fragwürdig war! In vielen der aktuell beliebten Liebesromane finden sich noch immer toxischer Verhaltensmuster, die nicht jeder Leser und nicht jede Leserin erkennen und einordnen kann. Und deshalb sollten wir darüber sprechen.

Das Hauptproblem der folgenden Bücher die ich hier aufliste, ist eines: Sie romantisieren toxische Verhaltensmuster der Protagonisten, verharmlosen diese also und sorgen vielleicht sogar indirekt dafür, dass wir dieses Verhalten adaptieren und verinnerlichen und im späteren Leben nicht mehr so gut in der Lage sind, diese Verhaltensmuster als schädlich für uns zu erkennen. Dabei ist das wichtig zu betonen, dass die reine Existenz solcher Geschichten nicht verboten oder verteufelt werden sollte – es muss lediglich viel besser darüber aufgeklärt werden, damit auch junge Leser*innen erkennen, warum eine solche Beziehung kein Vorbild sein sollte.

1. Twilight

Für mich persönlich ist Twilight in Sachen toxisches Young Adult Literatur die „Wurzel allen Übels“. Ich habe die Bücher in meiner Jugend wirklich geliebt! Wie schwierig ihr Inhalt aber ist, das habe ich dann erst viel später verstanden. Und genau diese Erfahrung zeigt, dass man offener über die Problematik mancher Beziehungen in Büchern sprechen sollte. Edward besitzt eine klare Dominanz gegenüber Bella durch seine Stärke. Er stalkt sie, bricht nachts in ihr Zimmer ein und beobachtet sie im Schlaf. Er wird schnell eifersüchtig, wenn sie sich mit männlichen Freunden trifft, ist besitzergreifend. Er gibt vor sie schützen zu wollen und versucht in diesem Rahmen ihre Freiheit (mehr oder weniger erfolgreich) einzuschränken. Aus Bellas Sicht ist das alles total romantisch und liebevoll und der Leser neigt dazu, diese Meinung ebenfalls anzunehmen. Dabei ist Edwards Verhalten eine extrem ungesunde Basis für eine Beziehung.

2. After Passion (Anna Todd)

Tessa und Hardin sind wirklich ein Extrembeispiel. Über mehrere Bücher hinweg streiten sich die beiden. Tessa ist mit Hardins Verhalten mehrfach unzufrieden, wird mehrfach verletzt. Trotzdem kommen sie immer wieder zusammen. Hardin hat sie im Griff. Er ist besitzergreifend und eifersüchtig, sagt viele verletzenden Dinge zu ihr, trinkt zu viel Alkohol und zeigt dann oft auch eine aggressive und gewalttätige Seite. Doch Tessa erkennt die Probleme nicht, denn die körperlichen Anziehung ist so groß, dass sie denkt, es handelt sich um die wahre Liebe. Nach jedem Streit folgen wieder Szenen, die romantisch und wunderschön sind. Die Botschaft des ganzen: Im Inneren ist ein ein guter Kerl, auch wenn der dich nach außen hin wie Dreck behandelt. Muss ich noch mehr dazu sagen?

3. Das Reich der sieben Höfe (ACOTAR)

Jetzt werden viele Fangirls wütend auf mich sein, aber ich muss es ansprechen: „A Court of Throns and Roses“ (Deutsch: Das Reich der Sieben Höfe) war 2019 eine meiner Lieblingsreihen, ich habe die dicken Bücher regelrecht verschlungen. Nachdem ich die Geschichte aber verarbeitet hatte und mit einigen anderen Buchblogger*innen und Freund*innen ins Gespräch kam, erkannte ich schnell: Auch hier haben sich toxische Aspekte versteckt. Als Antagonisten mag ich Rhys noch immer, aber als perfekter Partner für Feyre sehe ich ihn nicht mehr. Doch es gibt mehrere Situationen, die im Falle einer gesunden Beziehung so nicht hätten stattfinden sollen.

1. Rhys heilt Feyres kranken Arm, der sie womöglich durch einen Infektion getötet hätte. Doch im Gegenzug fordert er von ihr ein, dass sie eine Zeit lang bei ihm bleibt. Schon hier fängt es an: Zu helfen, ein Leben zu retten sollte NIEMALS in einer Gegenforderung oder sogar Bedingung enden. Rhys bindet sie an sich, obwohl sie das zu diesem Zeitpunkt nicht möchte.

2. Rhys manipuliert, belästigst und wendet das sogenannte „Gaslightning“ bei Feyre an. Er rechtfertig seine Taten damit, dass er es für ihre Liebe tat (was absolut keine Begründung ist, jemanden zu manipulieren). Ich meine, das Kleid das er ihr gibt? Das extrem freizügige Kleid, in dem sie sich UNWOHL FÜHLT und das sie bloßstellt?

3. Er objektinfiziert Feyre, führt sie regelrecht vor wie ein Tier und zeigt ihr so seine Dominanz. Ist das gesund? Hell no! Das Band der beiden zueinander, das sichtbare Tattoo, ist nichts anderes als eine Markierung Feyres als sein Eigentum.

4. Und mit dieser Verbindung der beiden missbraucht er sie auch, zwingt sie zu Dingen, die sie nicht möchte: Zu trinken, zu tanzen, ohnmächtig zu werden. An dieser Stelle höre ich mal auf mit meinen Erläuterungen, denn es könnte ewig so weitergehen. Aber ich denke ihr habt verstanden, was ich meine oder?

„Das ist doch alles nur Fiktion“

Es gibt ein Argument, dass in Gesprächen und Diskussionen über toxische Geschichten oft als Verteidigung genutzt wird: „Das ist doch alles nur Fiktion, das sollte man auseinander halten können.“ Hier wird die Verantwortung im Umgang mit dem Inhalt den Leser*innen zugeschoben, sie seien selber Schuld, wenn sie nicht erkennen würden, dass eine Beziehung eindeutig nicht gesund sein. Hier verhält es sich wie mit den Vorbildern, die wir seit unserer Jugend vorgesetzt bekommen: Wir wissen, dass Models, Schauspieler*innen und Sänger*innen oft ein Schönheitsideal aufzeigen, dass nicht realistisch ist. Dennoch streben wir dieses Ideal an oder haben es mal angestrebt. Wir wissen um Photoshop und Bildbearbeitung aber hassen unsere Falten, Dehnungsstreifen und Kilos trotzdem umso mehr. Auch hier gilt: Je mehr man darüber spricht, desto weniger lässt man sich von solchen Vorbildern beeinflussen. Auch von Seiten der Verlage und Autor*innen ist es also wichtig, darüber zu sprechen.

Ich wünsche mir, dass wir alle auch noch Bücher über toxische Beziehungen lesen und genießen können. Aber ich wünsche mir auch, dass klar ist, dass diese Beziehungen kein Vorbild sein sollten. Indem wir über die problematischen Szenen in diesen Geschichten sprechen, können wir dabei helfen, dass mehr Menschen toxische Beziehungen erkennen, wenn sie sich selbst in einer befinden sollten. Damit sie sich daraus befreien können und es nicht für normal oder okay halten.

Welche toxischen Buchreihen oder Romane kennt ihr noch, über die man unbedingt mehr sprechen sollte?

Quellen:

Warum ich After abgebrochen habe

ACoTaR’s Rhysand Should Have Stayed a Villain

Twilights Kinder – Über toxische Beziehungsmuster in Young-Adult-Romanen

7 Kommentare zu „Toxische Beziehungen in Büchern

  1. Hi Nina,

    ich hab das alles lange Zeit nicht wirklich eng gesehen, ich bin mittlerweile 47 und kann ganz klar sehen, was in diesen Geschichten passiert und fand das oft übertrieben, dass so davor „gewarnt“ wird. Wenn ich aber auf die „junge Generation“ blicke, also grade Teenager, ist das manchmal schon etwas schwierig.
    Allerdings denke ich nicht, dass das Denken mit diesen Büchern beginnt, sondern dass der Grundstein schon vorher gelegt ist. Manche Mädchen lesen sowas und wissen ganz genau, was da abläuft.
    Andere wiederum steigen da voll drauf ein – warum? Das sind Verhaltensmuster die schon früher beginnen… was nicht heißt,das ich nicht auch dafür bin, mehr darüber zu sprechen. Denn natürlich unterstützen solche romantisierten toxischen Beziehungen dann genau diese Muster und bestärken sogar noch darin. Bzw. wird es verharmlost und als normal angesehen.

    Dass hinter harten, bösen Kerlen ein weicher Kern steckt finde ich allerdings legitim. Denn auch hier liegt natürlich ein Grund dahinter, warum sie so sind. Wie sich das auf die Beziehung auswirkt muss man in jedem Einzelfall anschauen und natürlich sollte sich niemand, ob Mann oder Frau, sich in irgendeiner Weise unterdrücken oder bevormunden lassen. Das ist ein weites Feld und sprengt jetzt hier für mich den Rahmen, denn das kann man auf jedwede Beziehung anwenden, ob in der Familie, unter Freunden, in der Arbeitswelt…

    Ich finde es super, dass du darauf aufmerksam machst. Das Thema war ja schon öfter da, geht aber immer wieder unter.

    Liebste Grüße, Aleshanee

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  2. Hallo Nina,

    da kann ich nur sagen: Amen, drei Kreuze drunter, sehe ich genauso.

    Das ist ein Grund, warum ich Liebesromane und Romane mit deutlichem Fokus auf einer Liebesgeschichte seit Jahren meide wie der Teufel das Weihwasser. Gaslighting, Manipulation, Romantisierung problematischer Beziehungsmuster. Ich habe es wirklich satt.

    LG,
    Mikka

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  3. Hallo Nina,
    hell yes!!! Auf der einen Seite wird „Selbstbestimmung“ gepredigt und auf der anderen Seite gibt es diese Art von Büchern *würgereiz-unterdrück*
    Auch Kerstins Gier „Vergissmeinnicht“ stellt so ein falsches Bild in den Fokus. Der arrogante Sportler braucht Hilfe und genau die Außenseiterin hilft ihm, statt ihm den Mittelfinger zu zeigen. Klar, Frauen sind ja soooo aufopferungsvoll *genervt-gen-himmel-blick*
    Jetzt rege ich mich wieder ab und danke für den Blogpost!
    LieGrü
    Elena

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  4. Hallo Nina,

    dein Post spricht mir da wirklich aus dem Herzen. Mir ist das Muster toxischer Beziehungen in Romantasy extrem aufgefallen. Leider muss ich sagen, dass sich das vor allem auch in aktueller deutscher YA-Fantasy häuft.

    So konnte ich zum Beispiel die „Cassardim“ Reihe von Julia Dippel, die ja von vielen sehr gelobt wurde, nicht wirklich genießen. Die Ideen waren toll, die Handlung spannend, das Setting super. Und dann taucht da dieser Bad Boy auf. Gutaussehend (was auch sonst) und ein wandelndes A****loch. Wo die Protagonistin zu Beginn noch als starke junge Frau dargestellt wird, schrumpft sie zu einem schwärmenden, hirnlosen Teenager zusammen, die sich viel zu viel gefallen lässt. Eine Szene hat mich da besonders schlucken lassen, bei der besagter Bad Boy sie beim Essen „verzaubert“, sodass sie ihn total heiß findet und sich vor versammelter Gesellschaft bloßstellt. Das war für mich absolut unterste Schublade. Die Begründung dann einfach: Er muss sein Image aufrecht erhalten, um sie schützen zu können.
    Diesen Grund „Schutz“ hast du ja auch erwähnt und den finde ich absolut nicht gerechtfertigt.

    Mittlerweile finde ich es auch einfach anstrengend, immer und immer wieder solche Beziehungen in Büchern zu lesen. Immer ist die Protagonistin stark und intelligent, aber dann kommt die (männliche) Liebe des Lebens vorbei (der im Übrigen immer umwerfend aussieht) und schon ist von der Stärke nichts mehr zu sehen, denn er ist noch stärker und intelligenter und zeigt ihr erst mal, wie die Welt funktioniert.

    Ich bin jetzt keine extreme Feministin, lese auch mal vom Bad Boy, aber lege inzwischen Bücher die dem oben genannten Muster folgen, zur Seite. Und ich halte es für unbedingt notwendig, dass man darüber spricht, denn bei Büchern hört es nicht auf. Junge Menschen, Mädchen, wie Jungs, lesen solche Bücher, schauen solche Filme und nehmen daraus etwas mit. Der Mann ist überhaupt kein Idiot, der muss nur ein Trauma verarbeiten/will mich nur beschützen/etc. Oder: wenn ich mich so verhalte, dann ist das völlig in Ordnung, denn ich habe ja einen guten Grund.

    Glücklicherweise gibt es ja auch Beispiele, in denen Beziehungen anders funktionieren:

    Ophelia Scale von Lena Kiefer
    Knochendiebin von Margaret Owen
    Die Beschenkte von Kristin Cashore

    Ich wünsche mir da einfach eine Wende und viel mehr gesunde Beziehungen in jeglichen Genres. Eine toxische Beziehung sollte meiner Meinung nach die Ausnahme sein.

    Danke für deinen Beitrag.

    Liebe Grüße,
    Rebecca

    Gefällt 1 Person

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